Essstörungen zählen zu den tödlichsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Besonders dramatisch wird die Lage, wenn der Body-Mass-Index unter die Schwelle von 13 fällt: In diesem Bereich gerät der Körper in einen akuten Notzustand, lebenswichtige Organe sind massiv gefährdet, Herzrhythmusstörungen, Kreislaufversagen und irreversible Organschäden drohen. Ab diesem Punkt ist Nichtstun keine Option mehr.
Italien hat darauf mit klaren gesetzlichen Vorgaben reagiert: Patientinnen und Patienten mit einem BMI von 12 oder darunter müssen unverzüglich stationär aufgenommen werden – notfalls auch gegen ihren erklärten Willen. Diese Regelung ist Teil des staatlich vorgegebenen Behandlungspfads für schwere Essstörungen, des sogenannten „Percorso Lilla“. Ziel ist es, Leben zu retten und Langzeitschäden zu verhindern.
Ab Dezember 2025 wird dieser Behandlungspfad auch in Südtirol verpflichtend umgesetzt. Damit schließt sich das Land jenen Regionen an, die den Schutz von Menschen mit schweren Essstörungen konsequent in den Mittelpunkt stellen. Der Hintergrund ist klar: In fortgeschrittenen Krankheitsstadien ist die Fähigkeit zur realistischen Selbsteinschätzung oft stark eingeschränkt. Viele Betroffene können nicht mehr selbst über ihre Behandlung entscheiden. Die stationäre Aufnahme dient daher nicht nur der medizinischen Stabilisierung, sondern schafft erstmals Zugang zu einer strukturierten, multidisziplinären Therapie – der einzigen realistischen Chance auf nachhaltige Genesung.
Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigen die Zahlen aus Südtirol eindrücklich. Allein im Jahr 2023 wurden Patientinnen und Patienten mit extrem schweren Essstörungen 123‑mal stationär aufgenommen. Insgesamt fielen dabei 4.443 Krankenhaustage an. Den größten Anteil trugen psychiatrische, psychosomatische und kinderpsychiatrische Abteilungen mit 72 Aufenthalten und 2.858 Tagen, gefolgt von Kinderabteilungen mit 39 Aufnahmen und 1.391 Tagen. Auch internistische Abteilungen waren betroffen, mit 8 Aufnahmen und 109 Aufenthaltstagen.
Regional betrachtet sticht der Bezirk Brixen deutlich hervor: 70 Krankenhausaufenthalte und 3.067 Behandlungstage entfielen auf diesen Bezirk. Hier sind sowohl die Koordinationszentrale des Netzwerks für Essstörungen EATNET als auch das Exzellenzzentrum für Minderjährige angesiedelt. Es folgen der Bezirk Bozen mit 22 Aufnahmen und 735 Tagen, Meran mit 17 Aufnahmen und 187 Tagen sowie Bruneck mit 5 Aufenthalten und 64 Tagen. Zusätzlich mussten drei Patientinnen an die Universitätsklinik Innsbruck überwiesen werden, wo sie insgesamt 226 Tage verbrachten.
Diese Zahlen stehen für Menschen, deren Leben akut bedroht war. Sie zeigen unmissverständlich: Schwere Essstörungen sind kein Randphänomen, sondern eine reale Belastung für das Gesundheitssystem – und vor allem eine existentielle Gefahr für die Betroffenen.
Nach Todesfällen infolge von Anorexie wurde am Krankenhaus Meran eine Arbeitsgruppe einberufen, die unter Leitung des Sanitätsdirektors ein gemeinsames Vorgehen für alle Krankenhäuser Südtirols erarbeitet hat. Ein Jahr lang wurde an verbindlichen Standards gearbeitet, die mit allen beteiligten Abteilungen abgestimmt werden. Zentrale Festlegung: Ein BMI unter 13 ist ein absoluter Aufnahmegrund. Während diese Regelungen in Bozen und Meran bereits etabliert sind, müssen sie in den übrigen Krankenhäusern noch umgesetzt und erprobt werden.
Das erklärte Ziel ist eindeutig: Niemand soll mehr an einer Anorexie sterben, weil sich Abteilungen weigern, Verantwortung zu übernehmen. Zwei Todesfälle in Südtirol sind zwei zu viel. Die verpflichtende stationäre Aufnahme bei extrem niedrigem BMI ist kein Eingriff gegen die Betroffenen – sie ist ein Akt des Schutzes. Der „Percorso Lilla“ kann Leben retten. Die Zahlen zeigen: Er wird dringend gebraucht.
Dr. Roger Pycha, Koordinator des Netzwerks für Essstörungen EATNET