Gesellschaft
Erste Grenzpendlertagung in Sterzing
26.02.2026
Erstmals fand in Sterzing eine Tagung für Grenzpendler zwischen Italien und Österreich statt. Die Veranstaltung des Südtiroler in der Welt im KVW in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer Tirol machte deutlich: Der Informationsbedarf ist groß – ein voller Saal ist der Beweis dafür.
Moderiert wurde der Abend vom Südtiroler in der Welt Vorsitzenden Werner Atz. Er betonte die besondere Situation der Grenzpendler: „Grenzpendeln bedeutet Bewegung zwischen zwei Rechts- und Sozialstaaten, sowie zwischen zwei unterschiedlichen Steuersystemen.“ Genau diese Schnittstelle führe jedoch immer wieder zu Unsicherheiten, widersprüchlichen Auslegungen und einem hohen bürokratischen Aufwand für die Betroffenen.
Während der Verein Südtiroler in der Welt seit über 50 Jahren Grenzpendlertagungen im Vinschgau mit Blickrichtung Schweiz organisiert, stand in Sterzing erstmals das Arbeiten im EU-Nachbarland Österreich im Mittelpunkt. Die Premiere verdeutlichte, wie stark auch das Wipptal vom grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt geprägt ist. Laut Schätzungen pendeln knapp 800 Menschen nach Tirol, über 200 Pendler aus Österreich haben in Südtirol ihren Arbeitsplatz.
Grußworte überbrachten Karl Kerer, Bezirksvorsitzender des KVW Wipptal, sowie der Bürgermeister der Stadt Sterzing, Peter Volgger. Beide unterstrichen die wirtschaftliche Bedeutung der Grenzpendler für die Region. Gleichzeitig wurde deutlich, dass politische Lösungen auf nationaler und europäischer Ebene notwendig sind, um klare, stabile und gerechte Rahmenbedingungen zu schaffen.
Inhaltlich wurde rasch klar, wo konkrete Problemfelder liegen: Katrin Kirchebner erläuterte die Definition des Grenzgängers und stellte fest: „Als Grenzgänger gilt nur, wer in Grenznähe wohnt und täglich in den Wohnsitzstaat zurückkehrt.“ Für anerkannte Grenzgänger bestehe zwar keine Doppelbesteuerung, da die Steuerpflicht ausschließlich im Wohnsitzstaat liege – dennoch führe die praktische Umsetzung immer wieder zu Unsicherheiten und Beratungsbedarf.
KVW-ACLI-Patronatsdirektorin Elisabeth Scherlin informierte über Familienleistungen wie das Landesfamiliengeld und regionale Beiträge zur Kindererziehung. Beim „Bonus Mamma“ machte sie beispielsweise deutlich, dass nur Mütter mit einem Arbeitsverhältnis in Südtirol Anspruch haben – eine Regelung, die in grenzüberschreitenden Erwerbssituationen vielfach Fragen aufwerfe.
Weitere Themen waren die Rückforderung der österreichischen Lohnsteuer, die Frage der Krankenversicherung bei grenzüberschreitender Beschäftigung, die Handhabung bei Familiengeldern und unterschiedliche Arbeitsverträge. Darüber klärten die Experten Rosemarie Mayer, Josef Tschöll, Domenico Rief und Gregor Kaltschmie auf. Gerade hier zeigte sich, dass gesetzliche Regelungen zwar bestehen, ihre Anwendung in der Praxis jedoch häufig komplex und schwer nachvollziehbar sind.
In der Diskussion wurde daher ein klarer Wunsch formuliert: mehr Transparenz, weniger bürokratische Hürden und eine bessere Abstimmung zwischen den Behörden beider Staaten. Grenzpendler dürften nicht zu „Verwaltungsfällen zwischen zwei Systemen“ werden, sondern brauchen Rechtssicherheit und planbare Rahmenbedingungen.
Zum Abschluss bedankte sich Werner Atz bei allen Referenten sowie bei den zahlreichen Teilnehmern. Er betonte, dass Beratung – etwa beim Verein Südtiroler in der Welt oder bei der Arbeiterkammer Tirol – für viele Beteiligte ratsam sei. Gleichzeitig sei es aber Aufgabe der Politik, die strukturellen Probleme nachhaltig zu lösen.
Aufgrund der großen Resonanz soll die Grenzpendlertagung fortgesetzt werden.
Im Bild (v.l.): Josef Tschöll, Arbeitsrechtsberater & Steuerberater der Kanzlei RST Service GmbH Sterzing, Domenico Rief, Leiter der Wirtschaftspolitischen Abteilung der AK Tirol, Katrin Kirchebner, Referentin für Steuerrecht in der Wirtschaftspolitischen Abteilung der AK Tirol, Karl Kerer , KVW Bezirksobmann Wipptal, Elisabeth Scherlin, Direktorin des Patronats KVW-ACLI, Peter Volgger , Bürgermeister Sterzing, Werner Atz , Vorsitzender Südtiroler in der Welt, Gregor Kaltschmied, Referent für Arbeitsrecht in der Abteilung Arbeitsrecht der AK Tirol, Rosemarie Mayer, Mitarbeiterin Verein Südtiroler in der Welt, Waltraud Deeg, Landtagsabgeordnete und Vorstandsmitglied Südtiroler in der Welt, Stefan Perini, Direktor AFI
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