Im Piccolo Lord Bruneck, bei romantisch gedämpftem Licht, fand vor kurzem eine intensive künstlerische Begegnung statt. Die bekannte, aus Paris stammende und derzeit in Terenten lebende Künstlerin Sylvie Riant stellte einige ihrer neuesten Werke dem versammelten Rotary Club Brixen vor.
In einführenden Worten erklärte Präsident Roger Pycha den Werdegang der Künstlerin, die seit 30 Jahren parallel zu ihrem künstlerischen Werdegang auch als engagierte Kunsttherapeutin an der Psychiatrie Bruneck tätig war und ist und eine entsprechende mehrjährige psychoanalytische Ausbildung in Paris absolviert hat. Dieser Umstand hat ihr Werk sehr beeinflusst, sie hat neue Formate entwickelt, in denen sie gerade auch psychisch kranken Menschen zu künstlerischem Ausdruck verhilft, und mit ihnen zusammen Ergebnisse schafft, die auch vergänglich sein können. Bekannt ist die Reise einer solchen Künstlergruppe nach Lothringen in einen Künstlerwald zur Vorstellung des Werkes“ Backbone“, das aus regelmäßigen Segmenten eines liegenden Baumstammes mit darauf sitzenden Menschen besteht; der zerlegte Stamm ist noch heute im Sinne der „Land art“ dort und erinnert daran. Ein anderes Kunstunternehmen war die Reise der Künstlerin in die Wüste nach Marokko zusammen mit zwei Patienten, von denen jeder in der Folge eine künstlerische Laufbahn einschlug. Ergebnisse der Reise waren verschiedene Foto- und Videokunstwerke. „Als Künstlerin bin ich alles, nur keine Malerin“, sagt Sylvie Riant von sich. Allerdings existieren aus ihren früheren Zeiten beeindruckende Gemälde wie „La petite mort“, die ein erschöpftes Liebenspaar nach dem Höhepunkt darstellt, der im Französischen auch „Der kleine Tod“ genannt wird. Das Werk zierte viele Jahre den Sitzungssaal der Psychiatrie Bruneck.
Rotary hat die Künstlerin viele Jahre begleitet. Im Auftrag der Selbsthilfeorganisation psychisch Kranker „Lichtung“ schuf Riant immer wieder beeindruckende, aufrüttelnde Kunstwerke, die ohne den Unkostenbeitrag von Rotary Brixen nicht entstanden wären. Sie wurden wiederholt zum Welttag der Psychischen Gesundheit und zum Tag der Depression, 1. Oktober, öffentlich gezeigt. Diese Kurzfilme erregten im Krankenhaus Bruneck großes Aufsehen, wurden sie doch von der Decke auf den Boden der Eingangshalle projiziert, und veranlassten Besucher und Bedienstete zum Ausweichen. Die erste Produktion dieser Art war „Entfessle mich“, wo die Künstlerin sich mit Mühe der Depression, die als roter Faden dargestellt ist, entwindet.
Mit zwei Videokunstwerken führte Sylvie in ihr jüngstes Schaffen ein: Beeindruckend ist „Der Rollator“, der feierlich von fließenden Gewändern befreit wird, mit brennenden Kerzen versehen in ein weihnachtliches Ritual gebracht und schließlich von der Künstlerin über harten Waldboden in einen Weiher geschoben wird, wo er sich im Wasser auflöst. Mit feinem französischem Akzent erklärte dabei die Künstlerin den Hintergrund, Rollator als Hilfsmittel, das jedem alternden Menschen irgendwann zu Gute kommt, ihn aufrecht hält, zur wichtigen rituellen Stütze wird und ihn zuletzt bei der Rückkehr zu den Urelementen begleitet. Diese durchaus schwierige Botschaft wird voller Sanftheit, feierlich und mit viel Poesie vermittelt.
Das zweite Werk war der „Weibliche Golem“, eine Umschreibung der jüdischen Tradition, ein menschenähnliches furchteinflößendes Wesen aus Lehm schaffen zu können, das durch eine Buchstabenkombination auf der Stirne totgestellt werden kann. Sylvie Riant deutet diese angstbesetzte Sage feministisch um, es geht um ein kräftiges, lehmverschmiertes weibliches Wesen, das vielmehr durch dasselbe Ritual zum Leben erweckt wird und als Frau selbst neues Leben schenken wird können.
Den Abschluss bildete Sylvie Riants Anteil an der berühmten Brunecker Begegnung zwischen moderner Kunst und Kirche, die von 2024 bis 2025 in den Kirchen, Friedhöfen und dem Museum von Bruneck unter dem Motto „Epiphanie oder der Zweifel des Atheisten“ stattfand und von 14 Künstlern gestaltet wurde. Sylvie Riant widmete sich Salomons „Hohelied der Liebe“, zeigte in der Kapuzinerkirche zwei Videowerke dazu, die 50 Minuten dauern. Auf einem waschen sich ein Mann und eine Frau gegenseitig Dreck vom Leib, da verschränkt sich Liebe mit Fürsorge in Richtung zunehmender Schönheit.
Die 50 Minuten hätten die Zeitgrenzen des Abends überschritten, weshalb Sylvie Riant das wagemutige Projekt nur anhand einiger Bilder beschrieb.
Beeindruckt von der Intensität ihrer Kunst und von der Fragilität ihrer Objekte zollte der Rotary Club Brixen der Künstlerin langen Beifall. Sie selbst bezeichnet sich ja als konsequente Sprecherin und Darstellerin der Emarginierten. Sie bevölkert Randerscheinungen der Gesellschaft mit neuer Ästhetik. Poetische optische Schwingungen versöhnen mit der Geworfenheit des Daseins, Fragilität kann bei Sylvie Riant auch wunderschön sein.