Streuobstwiesen (im Dialekt „Pangarte“) mit ihrer Vielfalt an interessanten Sorten gehören zu den seltenen, aber ökologisch besonders wertvollen, traditionellen Kulturlandschaften – auch hier im Wipptal. Um auf ihre Bedeutung aufmerksam zu machen, wird am letzten Freitag im April der „Internationale Tag der Streuobstwiese“ gefeiert.
Brixner Plattling, Kalterer Böhmer oder Edelroter – das sind nur einige der historischen Apfelsorten, die einst in Südtirol recht verbreitet waren und die man heute fast nur noch in Hausangern und Streuobstwiesen findet. Auch alte Birnensorten wie die Gute Luise, die Butterbirne, die Ferchbirne oder die Palabirne gedeihen heute meist nur noch in traditionellen Pangarten. Der Obstanbau auf hochstämmigen, großkronigen Bäumen und in weitläufigen Wiesen war jahrhundertelang in Südtirol so wie in allen Obstbauregionen Europas vorherrschend, denken wir nur an das bekannte Mostviertel in Niederösterreich oder an die Baumgärten im Schwäbischen und an der Mosel oder im Alten Land in Norddeutschland. Erst im 20. Jahrhundert haben moderne, ertragsintensive Produktionsweisen die traditionellen Streuobstwiesen überall verdrängt. Verschwunden ist damit aber auch eine einzigartige und prägende Kulturlandschaft des ländlichen Raums.
In den letzten Jahren sind europaweit Bewegungen entstanden, die sich für den Erhalt der Pangarte stark machen. In Österreich etwa ist es die ARGE Streuobst rund um ihren Obmann Hans Hartl. Von ihm stammt auch die Idee, alljährlich den letzten Freitag im April zum „Tag der Streuobstwiese“ zu ernennen. Seit 2021 wird der Tag offiziell in der Liste der internationalen Feiertage geführt. Im gleichen Jahr wurde der Streuobstanbau ins Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen, zwei Jahre später schloss sich auch Österreich an. Hinter dem „Tag der Streuobstwiese“ stehen aber auch der britische UK Orchard Network, der Verein Hochstamm oder der französische Le Croquer de Pommes. In Südtirol ist es vor allem die Initiative Baumgart mit ihren neun Partnerorganisationen, die für das Streuobst sensibilisieren will.
Ende April ist ein idealer Zeitpunkt, um die Pangarte zu feiern. Dann stehen die Bäume in Blüte und geben einen schönen Vorgeschmack auf die künftigen Köstlichkeiten, die diese Wiesen zu bieten haben. Es sind nämlich nicht nur alte und zum Teil seltene Apfel- oder Birnensorten und andere Früchte. Auch die Fläche unter den Bäumen kann genutzt werden: etwa als Weide, als Auslauf für Hühner, als Garten oder zum Anbau von Beerenobst, von Kartoffeln oder Getreide. Gerne spricht man in diesem Zusammenhang vom so genannten Feldobstbau. Diese Doppelnutzung war früher – in Zeiten der Selbstversorgung – in der bäuerlichen Welt eine Selbstverständlichkeit und eine dringende Notwendigkeit. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der historische Marillenanbau im Vinschgau: Im 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Getreideäcker unter den hochstämmigen Bäumen angelegt. Nach dem Schnitt des Winteroggen im Juli waren bald auch schon die süßen, orangefarbenen Marillen reif für die Ernte. Ab dem Spätsommer konnte noch Vieh die Fläche beweiden.
Heute sind Pangarte und Streuobstwiesen meist nur noch kleine Inseln in einer intensiv genutzten Kulturlandschaft - oft vor allem aus Liebhaberei weitergeführt und bewirtschaftet. In Südtirol finden wir sie vor allem im oberen Vinschgau und im Eisacktal, im Raum Sterzing rund um Thuins und Telfes, aber auch an den Hängen von Etschtal und Unterland oder am Ritten und Tschögglberg.
Wissenschaftliche Studien von Eurac Research zur Biodiversität haben gezeigt, dass die Pangarte – im Vergleich zu anderen Kulturlandschaften – eine deutlich größere Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten beherbergen. Doch nicht nur Schmetterlinge, Käfer, Vögel und Kleinsäuger lieben die Streuobstwiesen. Auch für uns Menschen sind sie eine Art Villa Kunterbunt für alle Sinne. Um auf die vielen kulinarischen Möglichkeiten aufmerksam zu machen, die in Pangarten stecken, hat die Initiative Baumgart ein Kochbuch gestaltet. Darin gesammelt sind 30 Rezepte aus Südtirol und verschiedenen anderen Streuobstgegenden des Alpenraums. Die Broschüre kann kostenlos heruntergeladen werden (www.baumgart.it/presse).
Im Bild eine Streuobstwiese in Thuins.
Foto © Eurac Research