Wirtschaft
Wer trägt den Tourismus?
06.09.2026
Overtourism ist in aller Munde. Über Bettenstopp, Nächtigungen und Wertschöpfung wird viel diskutiert, zu wenig über die Mitarbeitenden. Dabei arbeiten fast 14 Prozent der Beschäftigten in Südtirol im Tourismus. Vollzeitkräfte im Gastgewerbe kommen laut Arbeitsförderungsinstitut AFI auf durchschnittlich 53 Wochenstunden. Gewünscht wären 43. Unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen, die den Tourismus Tag für Tag möglich machen? Diese Frage steht im Mittelpunkt einer öffentlichen Podiumsdiskussion am 10. September um 19.30 Uhr in der Cusanus-Akademie in Brixen. Sie findet im Rahmen eines dreitägigen internationalen Seminars der Europäischen Bewegung Christlicher Arbeitnehmer (EBCA) statt, das sich mit den Rechten, Arbeitsbedingungen und Herausforderungen der Beschäftigten im Tourismus befasst. Sie ist frei zugänglich, keine Anmeldung erforderlich.
Unter dem Titel „Vom Boom zur Balance: Tourismus gut leben, klug steuern, erfolgreich wirtschaften“ diskutieren Landeshauptmann Arno Kompatscher, KVW-Landesvorsitzender Werner Steiner, Heimatpflege-Obfrau Claudia Plaikner, der stellvertretende Generalsekretär des SGB/CISL Georg Plaickner, Hotelier Michil Costa, HGV-Präsident Klaus Berger, Stadträtin Sara Dejakum und EBCA-Co-Vorsitzender Karl „Charly“ Brunner. Angelika König moderiert. Alle Interessierten sind eingeladen.
Die EBCA vernetzt zwölf christliche Arbeitnehmerbewegungen aus zehn Ländern und vertritt ihre Anliegen auf europäischer Ebene. Zu ihren Mitgliedern gehört der KVW (Katholische Verband der Werktätigen). Karl „Charly“ Brunner ist geistlicher Assistent des KVW und seit 2022 Co-Vorsitzender der EBCA, derzeit gemeinsam mit Ana Luque aus Spanien. Die Seminare finden jedes Jahr in einem anderen Land statt: 2022 in Lissabon, 2023 in Barcelona, 2024 in München und 2025 im französischen Limonest bei Lyon. Heuer ist Südtirol an der Reihe.
Der Tourismus schafft Einkommen und Arbeitsplätze, prägt aber auch Wohnraum, Mobilität, Landschaft und gesellschaftliches Zusammenleben. Viele Beschäftigte erleben lange und unregelmäßige Arbeitszeiten, Saisonverträge, Wochenend- und Nachtarbeit sowie körperliche und psychische Belastungen. Die mittlere Jahresbruttoentlohnung einer Vollzeitkraft lag laut der AFI-Untersuchung Nr. 79 vom 31. Juli 2024 bei 28.356 Euro.
Zunehmend halten ausländische Arbeitskräfte die Betriebe mit am Laufen. Sprachliche Hürden, befristete Verträge und Unterkünfte, die an den Arbeitsplatz gebunden sind, können zusätzliche Abhängigkeiten schaffen. Neben einer korrekten Entlohnung braucht gute Arbeit verlässliche Verträge, geregelte Ruhezeiten, soziale Absicherung, angemessenen Wohnraum, Schutz vor Überlastung und die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Zugleich gibt es in Südtirol Tourismustreibende, die in einzelnen Bereichen bereits vorangehen. Sie denken über gute Arbeitsbedingungen nach, beziehen ihre Mitarbeiter:innen ein und suchen nach Wegen, wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Lebensqualität zu verbinden. Einige von ihnen bringen ihre Erfahrungen auch in die Tagung ein.
Für KVW-Landesvorsitzenden Werner Steiner zeigt sich die Qualität eines Tourismusbetriebs vor allem darin, wie er mit seinen Mitarbeiter:innen umgeht. Wo Beschäftigte als Menschen mit eigenen Bedürfnissen und Lebensentwürfen wahrgenommen werden, könnten Zusammenarbeit und Mitarbeiterbindung besser gelingen. Faire Bezahlung, geregelte Arbeitszeiten und verlässliche Verträge seien wesentliche Voraussetzungen für einen wirtschaftlich und sozial nachhaltigen Tourismus.
„Wirtschaft ist nicht gleich Unternehmer“, sagt Charly Brunner (im Bild). Tourismus entstehe im Zusammenspiel von Unternehmer:innen, Arbeitnehmer:innen, Gästen und dem Lebensraum. Ein einfaches Weiter-so reiche nicht mehr aus. Es brauche Fantasie und mutige Schritte, damit Beschäftigte gute, sozial abgesicherte Arbeitsplätze vorfinden, Unternehmen sich solide entwickeln können und Südtirol auch für kommende Generationen lebenswert bleibt.
Das internationale Seminar trägt den Titel „Der Wirtschaftsfaktor Tourismus aus der Perspektive der Rechte und Herausforderungen der Arbeitnehmer. Arbeitsbedingungen – Nachhaltigkeit – Wirkung“ und dauert vom 10. bis 12. September. Es beginnt am Donnerstag, den 10. September um 15.00 Uhr mit der Eröffnung durch Charly Brunner und Ana Luque. EBCA-Präses Stefan B. Eirich führt in das Thema ein. Anschließend spricht Ralf Lüfter von der Wirtschaftsfakultät der Freien Universität Bozen über einen zukunftsfähigen Tourismus am Beispiel Südtirols.
Am Freitag befasst sich der Philosoph Markus Moling mit Idealisierungen im Tourismus und ihren Folgen für Menschen, Tiere und Landschaft. Besuche im AKI Family Resort PLOSE, beim SGB/CISL und im Haus der Solidarität geben Einblick in unterschiedliche Arbeits- und Lebensrealitäten. Am Samstag vergleichen Arbeitnehmer aus Spanien und Österreich ihre Erfahrungen und erarbeiten konkrete Handlungsmöglichkeiten. Eine gemeinsame Abschlusserklärung beendet das Seminar.
(Foto © Michaela Complojer)