Gesundheit
Größte Herausforderung: Behandlung im Krankenhaus
24.09.2026
Vor einigen Tagen ist in Südtirol eine etwa 40-jährige Frau an den Folgen von Magersucht gestorben. Italienweit wurden 2025 insgesamt 4.158 Todesfälle in Zusammenhang mit dieser Diagnose verzeichnet. „In Südtirol ist die Sterblichkeit durch Anorexie sehr niedrig“, so Laura Dalla Ragione, eine der bekanntesten Expertinnen für Essstörungen in Italien. Das sei auch der hervorragenden Arbeit von EATNET zu verdanken. Dem rund 40-köpfigen Netzwerk gehören der Südtiroler Sanitätsbetrieb und drei private Einrichtungen (INFES, Città Azzurra, EOS) an.
Kürzlich fand im Bozner Pfarrheim eine Fortbildung des Südtiroler Instituts für Systemische Therapie statt. Der erste Teil stand im Zeichen einer kritischen Bestandsaufnahme: Was funktioniert in Südtirol noch nicht ausreichend? Wo muss das Netzwerk nachbessern und welche Angebote müssen weiterentwickelt werden? Dalla Ragione regte dazu mehrere Verbesserungen an. So fehlen auf der Website des Gesundheitsministeriums, auf der das Südtiroler Versorgungsnetz abgebildet ist, die seit Jahren landesweit koordinierende Funktion der Psychiatrie Brixen. Auch die Südtiroler Subintensivstationen, die Abteilungen für Innere Medizin sowie die Psychiatrien von Brixen und Bruneck werden nicht genannt. Teilweise sind Fachambulanzen falschen Trägern zugeordnet, teilweise stimmen Telefonnummern nicht. Die Angaben müssten laut Dalla Ragione umgehend und umfassend korrigiert werden. Nur so werde auch auf Ministeriumsebene sichtbar, dass das Netzwerk um zwei Drittel größer und vielfältiger ist als derzeit dargestellt.
Im Mittelpunkt stand anschließend die Frage, wie Betroffene und ihre Familien verlässlich in die Behandlung gelangen. Schritt für Schritt wurde ein möglicher Versorgungspfad erarbeitet – mühsame, aber entscheidende Detailarbeit. Denn von außen, so Dalla Ragione, wirke die Betreuung von Menschen mit Essstörungen oft unübersichtlich. Das sei kein rein Südtiroler Problem: Eine erfolgreiche Behandlung setzt voraus, dass mehrere Berufsgruppen gleichzeitig zusammenarbeiten. Dazu zählen Erwachsenen- und Kinderpsychiatrie, Pädiatrie, Innere Medizin, Ernährungsmedizin, Ernährungstherapie und Psychologie; häufig sind auch Hausärzte, Intensivmediziner und Kreativtherapeuten beteiligt. Für das Zusammenspiel braucht es eine klare Regel: Die erste Fachperson, die Kontakt mit einem Patienten hat, übernimmt das Case Management und koordiniert die weiteren Schritte.
Bei der Tagung wurden die Fachambulanzen in Bozen, Meran, Brixen und Bruneck ebenso einzeln analysiert wie die Pädiatrie Brixen sowie Villa Eea und Bad Bachgart. Laut Dalla Ragione sollten mehr als 60 Prozent aller Behandlungen von Essstörungen ambulant erfolgen. Bleibt nach sechs Monaten der Erfolg aus, müssen intensivere Betreuungsformen erwogen werden. Genau hier klafft in Südtirol eine Lücke: Nur wenige Abteilungen – darunter die Pädiatrie Brixen sowie die Psychiatrien von Brixen und Bruneck – bieten ein Day Hospital für Essstörungen an. Patienten aus Bozen und Leifers steht seit 2022 die Villa Eea als Tageszentrum zur Verfügung; mangels eines entsprechenden Angebots wird sie auch von Patienten aus Meran genutzt.
Positiv sei, dass Südtirol zu jener Hälfte der italienischen Regionen gehört, die über ein vollständiges Netzwerk mit allen notwendigen Angeboten verfügt. Entsprechend wenige Patienten müssen außerhalb des Landes behandelt werden. Italienweit einzigartig ist zudem, dass INFES/Forum Prävention gezielt für die Prävention von Essstörungen finanziert wird. Dadurch werden Betroffene und Angehörige gut informiert und begleitet.
Die größte Herausforderung bleibt die Behandlung im Krankenhaus. In Italien werden laut den bei der Tagung genannten Angaben 85 Prozent der akut gefährdeten Menschen mit Essstörungen wieder nach Hause geschickt. Viele Betroffene lehnen eine Aufnahme ab, zugleich zögern Krankenhäuser, sie stationär zu übernehmen.
Nach zahlreichen Todesfällen hat das Gesundheitsministerium deshalb klare Vorgaben erlassen: Ab einem Body-Mass-Index von 12 ist eine Behandlung im Krankenhaus zwingend erforderlich. Bei einer Körpergröße von etwa 1,60 Metern entspricht das einem Gewicht von 30,7 Kilogramm. Offen blieb allerdings, in welcher Abteilung die Behandlung beginnen und fortgeführt werden soll. Eine einfache, einheitliche Regelung für Südtirols Krankenhäuser ist seit 2025 in Ausarbeitung.
Das Ende der Tagung wurde ein Ausblick auf neue Herausforderungen gegeben: Seit 2022 gibt es die restriktive Essstörung als eigenständige Erkrankung. Sie betrifft vor allem Kinder und Jugendliche, zeigt sich als spezielle Angst vor bestimmten Nahrungsmitteln und verursacht Untergewicht und Mangelernährung. Um ihr auch zu begegnen, muss sich EATNET ganz neu ausrichten.
Erstkontakt: INFES (Information, Begleitung), Tel. 0471 970039
Fachambulanzen:
Bozen Tel. 0471 300389
Meran Tel. 0473 251250 (9.00 bis 11.00 Uhr)
Brixen unter 18 Jahren Tel. 0472 812680, ab 18 Jahren Tel. 0472 812711 oder Tel. 0472 813250
Bruneck unter 18 Jahren Tel. 0474 370402, ab 18 Jahren Tel. 581136 oder Tel. 586340
(Im Bild die Koordinatoren der Fortbildung. 3. v.l.: Laura Dalla Ragione)