Die Geschichtswerkstatt Freienfeld hat seit 1999 das kulturelle Leben in der Gemeinde mitgeprägt mit dem Ziel, bei der Bevölkerung „Lust auf Geschichte“ zu wecken.Ende August lud der Verein zur Jubiläumsveranstaltung in den Innenhof des Pfarrwidums. Das geschichtsträchtige Gebäude, welches in der Zeit von 1603 bis 1950 Sitz des Dekanates von Stilfes war, bot den idealen Rahmen für diese Feier.
Bei lauem Sommerwetter konnte der Präsident der Geschichtswerkstatt Helmuth Wieser ein zahlreiches Publikum aus der Gemeinde und auch von außerhalb begrüßen, u. a. die Obfrau des Heimatpflegeverbandes Claudia Plaikner und Oswald Mederle, den Präsidenten des historischen Kriegsmuseums von Rovereto. Wieser zeigte den Werdegang der GWF von der Gründerzeit bis heute auf und betonte, dass der Verein in diesem Zeitraum ein reichhaltiges Angebot an kulturellen Veranstaltungen und Initiativen geboten habe. Ideengeber Oswald Überegger, inzwischen Direktor am Zentrum für Regionalgeschichte.
In ihren Grußworten überbrachte Chronikreferentin Margot Pizzini die Glückwünsche des Südtiroler Landesarchivs: „Durch euer großes Engagement habt ihr euch nicht nur im Dorf, sondern auch darüber hinaus einen Namen gemacht und geltet als Vorzeigeprojekt für Chronikarbeit in Südtirol.
Der Tiroler Landeschronist Ossi Wörle unterstrich die grenzüberschreitende gute Zusammenarbeit und den regelmäßigen Austausch im Chronikwesen zwischen Südtirol und dem Bundesland Tirol, aber auch seine Verbundenheit mit den Mitgliedern der Geschichtswerkstatt.
Bürgermeisterin Verena Überegger freute sich über den Einsatz und die wertvolle Dokumentationsarbeit der GWF für die Gemeinde. Sie sprach dafür dem Team, das sich aus Mitarbeitern aus dem gesamten Gemeindegebiet zusammensetzt, ihren großen Dank aus.
In seiner Festrede unter dem Motto „25 Jahre GWF – Erinnerung und Zukunft“ ging Hans Heiss auf die verschiedenen Schwerpunkte der Tätigkeit ein. „Die Geschichtswerkstatt entstand 1999 aus dem Bewusstsein heraus, dass Freienfeld im Herzen des Wipptales über eine besondere Position verfügt, dass seine Gemeinschaften, Vereine und Gruppen gewiss ein ausgeprägtes Eigenleben aufweisen, aber auch in die größere Geschichte Südtirols und des alten Kronlandes Tirol eingebettet sind. Die Geschichtswerkstatt hat sich um die Dokumentation des Zeitgeschehens und Aufwertung der klassischen Ortsgeschichte bemüht und daher Ausstellungen zu wichtigen, das Ortsbild prägenden Baukörpern wie Wildbad Möders oder Welfenstein ins Werk gesetzt,“ betonte er. Sie habe sich aber auch den Themen des 20. Jahrhunderts geöffnet und dem Ersten Weltkrieg ständige Aufmerksamkeit gewidmet. Die Programmpunkte und Veranstaltungen der GWF entwickelten stets eine besondere Ausstrahlung. In naher Zukunft werde die Arbeit an der Dokumentation an Bedeutung gewinnen, da die Wucht des Umbruchs, dem wir alle entgegengehen, alles vorstellbare Maß sprengen werde.
In einer Fotoschau unter dem Motto „25 Jahre Geschichtswerkstatt: Ein Rückblick“ ließ der Verein die vergangenen Jahre noch einmal Revue passieren. Ein Blechbläserquartett sorgte für eine stimmungsvolle musikalische Umrahmung.
Es folgte eine Lesung des aus Trens gebürtigen Lehrers und Theaterpädagogen Luis Benedikter, der schon öfters bei Veranstaltungen der Geschichtswerkstatt mitgewirkt hat. Er trug aus dem Buch „Abriss der Geschichte der Pfarrei und des Dekanates Stilfes“ von Anselm Sparber den Abschnitt „Vom Brauchtum“ in gekonnt spannender Art vor. In den Aufzeichnungen erfuhr man vom religiösen Brauchtum, von der Dorfordnung, von der Bauernkost, von den Wohnverhältnissen und von der Dienstbotenanstellung im vergangenen Jahrhundert. Der Autor Anselm Sparber (1883-1969) stammte aus Egg in der Gemeinde Freienfeld, war Augustinerchorherr in Neustift, Theologieprofessor, Historiker und Verfasser bedeutender Werke zur Kirchen- und Ortsgeschichte. Er zählt neben dem Maler Innozenz Barrat und dem Bildhauer Johann Perger zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Gemeinde. Dafür erhielt er verschiedene Auszeichnungen, wie u. a. die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Freienfeld und das Ehrenzeichen des Landes Tirol. Die Geschichtswerkstatt wollte mit dieser Lesung die Erinnerung an diese Priesterpersönlichkeit wachhalten.
Im zweiten Teil las Luis Benedikter Aufzeichnungen aus der Pfarr- und Dekanatschronik von Stilfes von den Jahren 1922 bis 1924. Daraus erfuhr man von den Anfängen des Faschismus, von Naturereignissen, wie dem Erdbeben 1924 und von kirchlichen Feiern wie einer bischöflichen Visitation.
Zum Abschluss blickte Rita Thaler Wieser, Landeschronistin und Mitglied der Geschichtswerkstatt Freienfeld auch auf die Entwicklung des Chronikwesens auf Landesebene zurück. Ihr Wunsch in diese Richtung: „Ich hoffe auf die Unterstützung von Seiten der Landespolitik, um einen Fortbestand des Chronikwesens in Südtirol weiterhin zu gewährleisten.“
Bei einem von den Bäuerinnen vorbereiteten Umtrunk hatte die Festgesellschaft die Gelegenheit, sich auszutauschen und Ereignisse der letzten 25 Jahre anzusprechen.
Im Bild: (v. l.) Carmen Sparber, Anton Salcher, Michael Mair, Eva Zihl, Inge Kaser, Annemarie Rainer, Irmgard Überegger Dolliana, Anton Puner, Rita Thaler Wieser, Helmuth Wieser
Rita Thaler Wieser
Foto © Walter Treyer